• Dr. Daniel P. Berthold

Geht eine vegetarische oder vegane Ernährung mit einem erhöhten Frakturrisiko einher?


In der letzten Zeit wurden wir von unseren Athleten sehr oft gefragt, ob bei hochaktiven Sportlern oder während langer Rehabilitationsphasen, eine vegetarische oder vegane Ernährung gegenüber einer nicht-vegetarischer Ernährung bevorzugt werden sollte. Oft sind die Gründe einer veganen oder vegetarischen Ernährung auf gesundheitliche Aspekte zurück zu führen, wobei auch ethische und religiöse Motivationen möglich sind. (Craig 2009, Dinu, Abbate et al. 2017) Im Jahre 2017 berichtete die Arbeitsgruppe um Dinu et al. über eine signifikante, protektive Wirkung einer vegetarischen Ernährung gegenüber der Inzidenz und / oder Mortalität von ischämischen Herzerkrankungen und von Krebserkrankungen. Folge dessen geht eine vegane Ernährung mit einem signifikant verringerten Inzidenzrisiko für Krebs einher. (Dinu, Abbate et al. 2017) Frühere epidemiologische Studien haben jedoch gezeigt, dass Vegetarier häufig eine geringere Knochenmineraldichte (KMD) aufweisen, verglichen zu Fleischessern. (Ho-Pham, Nguyen et al. 2009, Tong, Key et al. 2018) Logischerweise geht eine niedrigere KMD, welche ebenfalls oft in Langzeit immobilisierten Patienten oder bei Osteoporose auftritt, mit einem höheren Frakturrisiko einher. Im Gegensatz dazu konnte in wissenschaftlichen Studien gezeigt werden, dass eine erhöhte Belastung, bedingt durch einen höheren Body-Mass-Index (BMI), unsere Knochensubstanz signifikant verstärkt. Jedoch sind auch relevante Zusammenhänge zwischen einem hohen BMI und einem erhöhten Frakturrisiko für andere Gelenk wie Knöchelfrakturen beschrieben. (Armstrong, Cairns et al. 2012) Durch höhere Drehmomente beim Verdrehen des Knöchels kann es hierbei zu verheerenden Knöchelbrüchen kommen (De Laet, Kanis et al. 2005, Armstrong, Cairns et al. 2012), die häufig komplizierten chirurgischen Eingriffe erfordern.

Die aktuelle Literatur legt nahe, dass bei Veganern eine niedrigere KMD häufig durch eine wesentlich geringere Kalziumaufnahme sowie eine geringere Aufnahme von Nahrungsprotein verursacht wird. Der exakte Zusammenhang zwischen diesen Risikofaktoren und dem erhöhten Risiko von Frakturen war jedoch bis vor kurzem weiterhin unbekannt. Dieser Fragestellung gingen unsere britischen Kollegen Tammy Tong und al. nach und untersuchten die Risiken von totalen und ortsspezifischen Frakturen in einem prospektiven Studiendesign mit fast 55.000 Teilnehmern und einer erstaunlichen Nachbeobachtungszeit von 18 Jahren (im Durchschnitt). (Tong, Appleby et al.) Die Autoren stellten fest, dass Veganer im Vergleich zu Fleischessern ein höheres Risiko für ortsspezifische Frakturen an Hüfte, Bein und Wirbelsäule haben. (Tong, Appleby et al.) Diese Beobachtung ist von hoher klinischer Relevanz, da Frakturen eine erhebliche Belastung für die Patienten und das Gesundheitssystem darstellen. (Oden, McCloskey et al. 2015) Interessanterweise wurden die stärksten Assoziationen für Hüftfrakturen gefunden. Dies kann mit einem niedrigeren durchschnittlichen BMI und einer niedrigeren durchschnittlichen Aufnahme von Kalzium und Protein in der Gruppe der Nichtfleischesser zusammenhängen. Eine Nahrungsergänzung bei Veganern und Vegetariarn wäre somit erforderlich, insbesondere bei Patienten mit geringer Kalzium-, Vitamin D- und Proteinaufnahme. Eine tägliche Einnahme von mindestens 525 mg / Tag Kalzium kann jedoch ausreichen, um das Frakturrisiko signifikant zu verringern. (Appleby, Roddam et al. 2007) Darüber hinaus belegen aktuelle Erkenntnisse, dass eine hohe Proteinaufnahme die darmspezifische Kalziumaufnahme erhöht (Kerstetter, O'Brien et al. 2003) und die Produktion wichtiger Wachstumsfaktoren (wie IGF-I) stimuliert, (Bonjour 2016), welche mit einer besseren Knochengesundheit verbunden sind. (Locatelli und Bianchi 2014) Veganer könnten somit auf eine zusätzliche Proteinaufnahme angewiesen sein. Interessanterweise deuteten ältere Studien aus den Jahren 1979 und 1998 darauf hin, dass eine übermäßige Proteinaufnahme zu einer erhöhten metabolischen Säurebelastung führen kann, was zu einer schlechteren Knochengesundheit führt. (Allen, Oddoye et al. 1979, Barzel und Massey 1998) Dies wurde jedoch durch neuartige Literatur wiederlegt, was darauf hindeutet, dass kein signifikanter Zusammenhang zwischen Proteinaufnahme und Frakturrisiko besteht. (Darling, Manders et al. 2019)

Zusammengefasst: da Veganer und Vegetarier ein erhöhtes Risiko für Frakturen haben können, sollte eine Nahrungsergänzung mit Vitamin D, Kalzium und Protein in Betracht gezogen werden. Eine übermäßige Aufnahme sollte jedoch unbedingt vermieden werden, da dies zu Nieren-, Leber- oder Nebenschilddrüsenerkrankungen führen kann.


Wenn ihr noch weitere Fragen zu diesem Thema habt, schreibt uns eine Mail und lasst es uns wissen.


Referenzen:


Allen, L. H., E. Oddoye and S. Margen (1979). "Protein-induced hypercalciuria: a longer term study." The American journal of clinical nutrition 32(4): 741-749.

Appleby, P., A. Roddam, N. Allen and T. Key (2007). "Comparative fracture risk in vegetarians and nonvegetarians in EPIC-Oxford." European journal of clinical nutrition 61(12): 1400-1406.

Armstrong, M. E. G., B. J. Cairns, E. Banks, J. Green, G. K. Reeves and V. Beral (2012). "Different effects of age, adiposity and physical activity on the risk of ankle, wrist and hip fractures in postmenopausal women." Bone 50(6): 1394-1400.

Barzel, U. S. and L. K. Massey (1998). "Excess dietary protein can adversely affect bone." The Journal of nutrition128(6): 1051-1053.

Bonjour, J.-P. (2016). "The dietary protein, IGF-I, skeletal health axis." Hormone molecular biology and clinical investigation 28(1): 39-53.

Craig, W. J. (2009). "Health effects of vegan diets." The American journal of clinical nutrition 89(5): 1627S-1633S.

Darling, A. L., R. J. Manders, S. Sahni, K. Zhu, C. E. Hewitt, R. L. Prince, D. J. Millward and S. A. Lanham-New (2019). "Dietary protein and bone health across the life-course: an updated systematic review and meta-analysis over 40 years." Osteoporosis International 30(4): 741-761.

De Laet, C., J. Kanis, A. Odén, H. Johanson, O. Johnell, P. Delmas, J. Eisman, H. Kroger, S. Fujiwara and P. Garnero (2005). "Body mass index as a predictor of fracture risk: a meta-analysis." Osteoporosis international 16(11): 1330-1338.

Dinu, M., R. Abbate, G. F. Gensini, A. Casini and F. Sofi (2017). "Vegetarian, vegan diets and multiple health outcomes: a systematic review with meta-analysis of observational studies." Critical reviews in food science and nutrition 57(17): 3640-3649.

Ho-Pham, L. T., N. D. Nguyen and T. V. Nguyen (2009). "Effect of vegetarian diets on bone mineral density: a Bayesian meta-analysis." The American journal of clinical nutrition 90(4): 943-950.

Kerstetter, J. E., K. O. O'Brien and K. L. Insogna (2003). "Dietary protein, calcium metabolism, and skeletal homeostasis revisited." The American journal of clinical nutrition 78(3): 584S-592S.

Locatelli, V. and V. E. Bianchi (2014). "Effect of GH/IGF-1 on bone metabolism and osteoporsosis." International journal of endocrinology 2014.

Oden, A., E. V. McCloskey, J. A. Kanis, N. C. Harvey and H. Johansson (2015). "Burden of high fracture probability worldwide: secular increases 2010–2040." Osteoporosis International 26(9): 2243-2248.

Tong, T. Y., T. J. Key, J. G. Sobiecki and K. E. Bradbury (2018). "Anthropometric and physiologic characteristics in white and British Indian vegetarians and nonvegetarians in the UK Biobank." The American journal of clinical nutrition107(6): 909-920.

Tong, Y., P. Appleby, G. Fensom, A. Knuppel, K. Papier, A. Perez-Cornago, R. Wrightson and T. Key "Vegetarian and vegan diets and risks of total and site-specific fractures: results from the prospective EPIC-Oxford study." BMC Medicine.


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